Kastner, Erich by Die verschwundene Miniatur

Kastner, Erich by Die verschwundene Miniatur

Author:Die verschwundene Miniatur [Miniatur, Die verschwundene]
Language: deu
Format: epub
Published: 0101-01-01T00:00:00+00:00


12. KAPITEL

VATER LIEBLICHS GROGKELLER

Die sechs Autotaxen sausten wieder über die nächtliche Chaussee.

Sie fuhren nach Rostock zurück.

Im letzten Wagen saß der weißbärtige Herr. Er hatte die dunkle Brille abgenommen. Auf die Dauer behindern schwarze Brillengläser die Sicht. Ganz besonders bei Menschen mit kerngesunden Augen.

Professor Horn blickte angespannt durch das kleine Fenster in der Wagenrückwand. Genaugenommen blickte er nicht durch das Fenster, sondern durch das Loch, das dadurch entstanden war, daß er das Fenster herausgeschnitten hatte. Ein Mensch, der eine Schußwaffe in der Hand hält und damit rechnet, daß sich Motorfahrzeuge nähern könnten, in denen Polizisten sitzen, kann zwar eine Schießscharte gebrauchen. Aber kein Fensterglas davor.

Professor Horn hatte die Absicht, in die Reifen solcher Autos, die ihm mißfielen, Löcher hineinzuschießen. Das ist eine verhältnismä

ßig humane und trotzdem recht wirksame Methode, Leute, die es eilig haben, am schnellen Vorwärtskommen zu hindern.

Im ersten der sechs Taxis saßen die Herren Storm, Achtel und Karsten. Und der Mann, der auf der Fahrt nach Warnemünde einem Ringkämpfer geähnelt hatte. Er hatte sich inzwischen verändert.

Nicht zu seinem Vorteil. Auf der niedrigen Stirn hatte er mehrere Beulen. Und die Nase saß ihm schräg im Gesicht und war verschwollen. Man hätte denken können, er sei in eine Dreschmaschine geraten.

»Du mußt dir morgen unbedingt einen neuen Hut kaufen«, sagte der kleine Herr Storm. »Dein Kopf ist mindestens um zwei Nummern größer geworden.«

»Ein Blödsinn, im Finstern klauen zu wollen«, knurrte der deformierte Ringkämpfer. »Nun weiß ich nicht einmal, wem ich die Verzierungen zu verdanken habe. Ich hätte mich gern revanchiert.«

»Man soll nicht so kleinlich sein«, fand Herr Philipp Achtel. »Ich meinerseits bin heilfroh, daß der Überfall im Dunkeln stattfand.«

»Wieso?«

»Ach, mir hing plötzlich ein Weibsbild um den Hals, das gut zwei Zentner mit Knochen wog. Sie klammerte sich an mich, schrie um Hilfe und wollte gerettet werden. Ausgerechnet von mir! Ein Glück, daß wir bald bei Vater Lieblich sind. Ich kann einen Grog gebrauchen.«

Der Ringkämpfer wurde neugierig. »Wieso hast du denn im Dunkeln gemerkt, daß es eine Frau war?«

»Am Vornamen«, erklärte Achtel zynisch.

Fräulein Trübner und Herr Fleischermeister Külz waren auf dem Revier in Warnemünde zu ihren Personalien vernommen worden.

Sie hatten ihre Reisepässe vorgelegt und den Namen des jungen Mannes mitgeteilt, der spurlos aus der Tanzdiele verschwunden war.

Er wohnte in Charlottenburg in der Holtzendorffstraße, hatte das Fräulein hinzugefügt.

»Die Bande hat Herrn Struve wahrscheinlich mitgeschleppt«, sagte der Inspektor. »Er wird sich zur Wehr gesetzt haben. Er wird hinter ihnen hergelaufen sein, um sie aufzuhalten. Und dann hat man ihn überwältigt.«

»Schrecklich!« rief Külz. »Der arme Junge! Wer weiß, wie und wo wir ihn wiederfinden. Hoffentlich hat er keine Angehörigen.«

Irene Trübner versank in Melancholie und versuchte, aus ihren Handschuhen einen Strick zu drehen.

Es wäre ihr fast gelungen. Sie wurde aber in ihrer Arbeit unterbrochen. Brüssel meldete sich. Die junge Dame eilte ins Nebenzimmer. Zum Telefon. Der Chef wird staunen, dachte sie. Hoffentlich kündigt er mir erst per 1. Januar.

Inzwischen verbreitete sich Herr Oskar Külz über Herrn Storm und die übrigen Insassen des Coupés dritter Klasse, in dem er gereist war. Er wies darauf hin, daß Rudi Struve



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